Hexen im Kreis Segeberg
Brennende Scheiterhaufen am Warder See
Auch im Kreis Segeberg wurden Hexen verbrannt
Es muß ein schwerer Weg gewesen sein, den Gretie Knesecke aus Garbek, ihre Mutter und vier andere Frauen vor 329 Jahren antreten mußten. Über steinige Pfade und holperige Feldwege wurden die sechs Frauen an diesem Dienstag, dem 8. Mai im Jahre 1668, zu einem kleinen Hügel auf dem Quaalerfeld gebracht. Dort wartete bereits der lodernde Scheiterhaufen auf sie. Der Hexenwahn forderte also auch hier im heutigen Kreis Segeberg seinen Tribut.
Bereits vier Jahre zuvor war Detlev Knesecke aus Garbek ganz in der Nähe auf dem Kagelsberg, 1,5 Kilometer westlich von Quaal, wegen Pferdediebstahls gehängt worden. Jetzt warf man seiner Witwe und seiner Tochter und weiteren vier Frauen aus der Nachbarschaft Hexerei vor. Pastor Petrus Wolters, der damalige Geistliche der Kirche in Warder, hatte in einer Chronik die wesentlichen Begebenheiten des Kirchspiels festgehalten. Er schrieb: "1668 8 May wurden dieseß Knesecken Frau v(nd) Tochter Gretie nebst noch anderen 4en in Garbecke, alß: Jochim Möllers Frau, Gretie Dufeß, Gretie Hackeß, Ancke Jackeß der Zauberey wegen angeklaget, v(nd) nach der überweisung (=Überführung) v(nd) geständniß zum Feur condemniret (=verurteilt), v(nd) geschahe, nachdem sie vorhero stranguliret (=erwürgt), die Execution beym Fulenbecke aufm Quaalerfelde auf einem da seinden kleinen Hügel."
Die Frauen, die hier am Warder See ihren Tod fanden, gehörten zur Familie Knesecke, später änderte sich der Familienname in Knees, die bereits 1614 eine Hufe, also ein Landstück, im Oberdorf hatte. Jochim Möller war Hufner im Nedderdorf. Die Hackeß (später: Haaks) wurde erstmals 1614 in Garbek urkundlich erwähnt, und die Familie Jackeß (später Jaaks) taucht um 1660 als Hufnerfamilie im Nedderdorf auf.
Was nun genau zu diesen Hexenverbrennungen in der Nähe von Quaal geführt hatte, bleibt im Dunkeln. Der 1697 gestorbene Wolters beschreibt nur, daß die Frauen angeklagt, überführt, verurteilt und schließlich hingerichtet wurden. Auf einen gewissen menschlichen Zug der für die Hexenverbrennung zuständigen Vertreter der Obrigkeit weist Wolters in einem Nebensatz hin. Man hat die Frauen vor dem Verbrennen noch erwürgt. Das tat man üblicherweise dann, wenn die Angeklagten geständig waren, als Hexen gewirkt zu haben und ihrem lasterhaften Leben abgeschworen hatten. Damit entgingen sie dann dem Verbrennen am lebendigen Leibe. Daß die Geständnisse von kirchlicher und staatlicher Macht durch Folter erpreßt worden waren, störte damals allerdings kaum jemanden. Hexerei galt als Sonderverbrechen, dem man auch nur mit besonderen Methoden gegenübertreten konnte.
Sechs Jahre später loderten die Flammen auf dem Hexenberg wieder. Im September 1674 wurde Ancke Schmedeß wegen Hexerei auf dem Quaalerfelde verbrannt. Dies scheint nun aber - will man den "Annotationes", also der Chronik von Pastor Wolters, Glauben schenken - die letzte Hinrichtung an dieser Stelle gewesen zu sein.
Allerdings war sie nicht die letzte im Kirchspiel Warder, denn noch im Oktober 1674 berichtet Wolters über die Verbrennung von sechs weiteren Opfern des Hexenwahns. Elsche Schmedesche, die Rodesche oder Berensche, die Strukesche, die Lübkersche, die Scharthewertsche sowie Hans Dahl wurden vor dem Dorf Garbek verbrannt. Wie auch schon Ancke Schmedeß stammten diese fünf Frauen und der Mann aus Gaarz im Kirchspiel Oldenburg, das damals den selben Besitzer wie Rohlstorf und Wensin hatte: den Oberstleutnant Joachim Detlev von Brockdorff.
Von Brockdorff hatte "seine" Hexen aus Gaarz praktischerweise in der Nähe von Garbek verbrennen lassen, vielleicht weil man dort schon geübt war im Vollzug der Hinrichtung. Pastor Wolters berichtet über seine Gespräche mit den Delinquenten, die drei Wochen angedauert hatten, und schließt seine Betrachtungen mit dem frommen Wunsch: "Gott wolle sich aller erbarmen und sie wieder in Gnaden angenommen haben."
Nicht in allen Fällen führte der Hexenvorwurf auch zur Todesstrafe. So heißt es in der Segeberger Amtsrechnung aus dem Jahre 1567: "Item, wie die beiden wiwer, so mit towerie beruchtiget, verhört worden, dem scharfrichter gewen - 10 m 8 ß." Diese zehn Mark und acht Schilling erhielt der Scharfrichter für seine peinliche Befragung, also ein Verhör, bei dem auch gefoltert und damit viel Pein bereitet wurde. Der Betrag fand sich in der Ausgabenrechnung des Amtes Segeberg. Auf der Einnahmenseite wurden dagegen insgesamt 92 Mark und sieben Schilling verbucht. Das war die Strafe - man nannte dies damals Brüche, die die beiden Frauen aus Sühlen und Schlamersdorf zu zahlen hatten. "Van einem wiwe to Suele (= Sühlen), welk mit towerie beruchtiget - 40 m. Van einem wiwe to Slamerstorp (= Schlamersdorf), welk ock mit towerie beruchtiget, geben 27 daler 22 ß, is 92 m 7 ß."
In diesem Fall hatte also der Scharfrichter nichts Verdächtiges feststellen könne, was zu einer Verurteilung zur Todesstrafe hätte führen können. Die Brüche mußten die beiden "Weiber" dennoch zahlen, denn ganz auszuräumen war der Verdacht der Zauberei anscheinend doch nicht.
Häufig führten Nachbarschaftsstreitigkeiten zu Anschuldigungen. In der Segeberger Amtsrechnung von 1560 heißt es beispielsweise: "Marquart Stein hefft Lawerentz Gosen mit towern besehen und nicht beweysen können - 3 m 5 ß." Da hatte Marquart Stein wohl versucht, seinem Nachbarn eins auszuwischen, allerdings erfolglos. Und nicht nur das: Stein mußte auch noch die Kosten des Verfahrens tragen.
Die Blüte - vielleicht treffender: Die Exzesse - der Hexenverfolgung im ausgehenden Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatten eine Vielzahl von Aspekten und Gründen. So bestand häufig ein festgeformtes Bild vom Aussehen und Handeln der Hexen in der betreffenden Gesellschaft. Meist waren es Erwachsene, mehrheitlich Frauen. Seltener wurden auch ganze soziale Gruppen oder Nachbargesellschaften pauschal der Hexerei verdächtigt. Oft trugen die Hexen bestimmte Erkennungsmerkmale im oder am Körper, die dann die Scharfrichter mit bestimmten Verfahren, beispielsweise der Wasser- oder der Nadelprobe, als Hexenmal stigmatisierten.
Man nahm an, daß eine Hexe, wenn sie denn vom Teufel befallen ist, ihre Seele verloren hat. Demzufolge müsse sie leichter sein als andere Menschen. Man warf also eine Hexe - an Händen und Füßen gefesselt - auf das Wasser. Schwamm sie auf der Oberfläche, war sie dann - "logischerweise" - eine Hexe und mußte verbrannt werden. Ging sie unter und ertrank, war sie unschuldig, aber auch tot.
In den Amtsrechnungen aus Reinfeld aus den Jahren 1675/76 werden neun Personen aus Dreggers beschuldigt, "daß sie sich untereinander vor hexsen gescholten und gar einer dem andern uffm wasser geworfen." Das läßt auf eine kollektive Hexenprobe in Dreggers schließen. Insgesamt mußten die Beteiligten dafür 45 Taler Brüche zahlen.
Bei der Nadelprobe stach man mit einer Nadel in Muttermale und Leberflecken, da man davon ausging, daß diese vom Teufel als Zeichen für die vollzogene Teufelsbuhlschaft gegeben worden waren. Floß kein Blut, galt die Angeklagte als Hexe. Meist fließt, wenn man auf bestimmte Weise in ein Muttermal sticht, kein Blut. Also auch hier wieder ein "untrüglicher" Beweis für die Schuld der Angeklagten.
Ein weiteres Kennzeichen für eine Verbindung mit dem Teufel war das Engagement für die Kirche. Ging die Angeklagte zu wenig in die Kirche, so war dies ein Anzeichen für mangelnde Gottesfurcht. Ging sie zu häufig in die Kirche, so konnte dies bedeuten, daß sie etwas zu verbergen suchte. Also auch hier ließen sich alle Verhaltensweisen der Angeklagten so auslegen, daß immer ein Schuldvorwurf daraus werden konnte
Von den Hexen wurde angenommen, sie könnten jegliche Form von Unglück verursachen: Krankheit, Streit, Tod, Naturkatastrophen. Den vermeintlichen Hexen wurde dann alles das in die Schuhe geschoben, was unerklärlich war.
Man nahm weiterhin an, daß die Hexen vor allem ihre nächsten Nachbarn oder Verwandten schädigten. Sie richteten ihre Aktivität selten gegen Fremde. Als Motive für Hexerei vermutete man Neid, Konkurrenz oder auch blanke Bösartigkeit gegen den Nächsten. Konkurrenzmotive standen eindeutig im Vordergrund.
Hexen wirkten im Geheimen, besonders nachts, so erklärte man sich das Handeln der Hexen, denn eindeutige Beweise waren kaum zu finden. Hexen waren außerdem nach Ansicht ihrer Verfolger nicht rein menschlicher Natur. Entweder hatten sie anorganische, animalische oder dämonische Substanzen, Tiere oder Zaubergegenstände in sich, waren von bösen Geistern oder Substanzen besessen oder lebten in direktem Kontakt mit ihnen.
Man warf den Hexen vor, sie handelten oft im Sinne der Vorstellung einer "verkehrten Welt". Sie verdrehten den Alltag und brachen bewußt alle Regeln: Hexen praktizierten danach Inzest, Kindstötung und verbotene Formen des Sexualverkehrs; sie gruben heimlich Leichen aus und fraßen sie; sie sammelten Kot und anderen Unrat; sie gingen nackt umher, tanzten oder gingen rückwärts und flogen durch die Luft.
Es ist sicher kein Zufall, daß gerade um das Ende des Mittelalters die Hexenverfolgung, der sehr viele Frauen, Männer und auch Kinder zum Opfer gefallen sind - genaue Zahlen sind nicht mehr feststellbar, die Vermutungen der Historiker schwanken zwischen "nur" 100.000 und neun Millionen Opfern, - ihre stärkste Ausprägung hatte. Es brach ein neues Zeitalter heran. Neue Machtstrukturen entwickelten sich. Das Rollenverständnis von Männern und Frauen änderte sich. Die Hexenverfolgung entstand aus dem Aberglauben, der jedem religiösen Glauben folgt. Denn eigentlich gibt es gar keinen Aberglauben, sondern nur Glauben. Allerdings erklärt derjenige, der die Macht hat, den Glauben der Anderen zum Aberglauben. Daraus entwickelte sich bald das Phänomen einer kollektiven Psychologie der Gesellschaft, die schließlich zur Massenhysterie führte.
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Hexen galten als Anhängerinnen vorchristlicher Fruchtbarkeitskulte, die die christliche Kirche heftig ablehnte. Daher errichtete die christliche Kirche häufig ihre Gotteshäuser auf den Stellen, wo frühere heidnische Kultplätze waren. Damit versuchte man, andere Glaubenssysteme zu beseitigen. Der Hexereivorwurf resultierte aber auch aus dem Kampf der Kirchen untereinander, also der Kampf der katholischen Kirche gegen die reformatorische Bewegung.
Die Einführung der Manufakturen, die damit verbundene Lohnarbeit und der neue bürgerliche Reichtum veränderte das Bewußtsein der Menschen. Herkömmliche Vorstellungen von der Einbettung des einzelnen in einen christlich interpretierten Kosmos waren nicht mehr gültig, traditionelle politische Ordnungen gerieten ins Wanken. Hexenverfolgung war damit vornehmlich das Ergebnis des Zusammenbruchs traditioneller Ideologien und das Heraufkommen neuer Formen religiösen und politischen Handelns.
Hexen galten als hysterische und geisteskranke Frauen, die in hysterischen Selbstanklagen - durch Folter und Verhör hervorgebracht - sich der Hexerei bezichtigten. Die frühneuzeitliche Hexenverfolgung war danach in erster Linie ein Akt der Unterdrückung von Frauen, die als weise Frauen nicht mehr in das Bild einer zunehmend wissenschaftlicher werdenden Welt der männlichen Heilkundigen paßte, zumal weise Frauen als Hebammen und Heilerinnen häufig bessere Erfolge erzielten als ihre männlichen Kollegen mit einem wissenschaftlichen Grad. Dieser Konflikt ist auch heute noch im Streit der Schulmedizin und der alternativen Heilkunde bezüglich der größeren Heilerfolge erkennbar.
Im Laufe der Hexenverfolgung haben Intensität und Rahmenbedingungen der Verfolgung sich häufig geändert. Das wird unter anderem an den verwendeten Begriffen deutlich. Während im 16. Jahrhundert noch von töwerei (Zauberei) und towersche (Zauberin) die Rede war, findet sich in den Segeberger Amtsrechnungen aus der Mitte des 17. Jahrhunderts immer mehr der Begriff "Hexe", es sei denn, es handelt sich um einen männlichen Angeschuldigten, der immer noch als Zauberer bezeichnet wurde. Auch wird immer häufiger der Begriff "Wicker" oder "Wickersche" gebräuchlich. Hier wird die Beziehung zu dem englischen Begriff "witch" (= Hexe) deutlich. Claus Rieders wird in der Amtsrechnung 1653/54 beschuldigt, "daß er Jochim Niedorf vor einen schelm und wicker gescholten" habe. Hans Wulffen wurde in der gleichen Amtsrechnung vorgeworfen, "daß er vor drey jahren nach der wickerschen gewesen" sei, also vor drei Jahren eine Hexe um Rat gefragt habe, was ebenfalls strafbar war.
In Quaal gibt es auch heute noch eine Hofstelle, die als Hexenberg (Hexenbarch) bezeichnet wird. So läßt sich aus geographischen Bezeichnungen auch noch die Geschichte eines Ortes herauslesen. In vielen Orten oder auch Landstrichen gibt es die Bezeichnung "Blocksberg". Das ist der Ort, an dem nach Meinung der Hexenjäger die Hexen zu ihren ausschweifenden Festen mit dem Teufel zusammengekommen sind. Peter Witten mußte 6 Mark Brüche dafür zahlen, "daß er Carsten Soltwedels frauwen zu Schwiesel (= Schwissel) vor eine heckse gescholten, dabei ausgeruffen, daß sie were weinzepferin auf den Blocksberg gewesen", habe also für die anderen Hexen beim Hexensabbat Wein gezapft.
Der Termin für das Fest auf dem Blocksberg war die Walpurgisnacht. Das war die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Hier geschah nach Ansicht der Hexenjäger all das, was die Phantasie von Menschen hervorbrachte, die zu engen kirchlichen und moralischen Normen unterworfen waren. Beim Hexensabbat wurden demnach im "Hexenkessel" giftige und heilende Tränke gebraut. Aus dem Pakt mit dem Teufel ging der Schadenszauber hervor. Der Teufel forderte danach von den Hexen, daß sie allen Menschen an Leib und Seele, Ernte, Vieh und Eigentum schaden sollten. Die Dämonenbeschwörung gehörte ebenso zum lasterhaften Treiben wie die Teufelsbuhlschaft, also sexuelle Praktiken mit dem Teufel. In erster Linie war der Tanz auf dem Blocksberg natürlich ein großes Fest der Hexen, bei dem hemmungslos gefeiert wurde, wobei Huldigungsrituale für den Teufel natürlich nicht zu kurz kommen durften.
Die Kirche störte vor allem daran, daß die Hexen vergleichbare rituelle Handlungen wie die Priester vollzogen, wobei allerdings der christliche Glaube genau ins Gegenteil verkehrt wurde. So verfolgte man die Hexen im ausgehenden Mittelalter und der beginnenden Neuzeit mit einer Unnachgiebigkeit, wie sie in dieser Form erst wieder im Kampf der Nationalsozialisten gegen die Juden zu sehen war.
Die Hexenverfolgungen sind vorbei. Dennoch singt Konstantin Wecker in seinem Lied "Hexeneinmaleins": "Immer noch werden Hexen verbrannt auf den Scheiten der Ideologie!" und mahnt damit, Andersdenkende und Andersseiende zu akzeptieren und nicht zu verfolgen - nicht nur 1668 in Quaal, sondern auch heute und überall in der Welt.
Carsten Ingwertsen